• Solo auf dem Kunstwanderweg: Ferne, Freiheit, Fläming

Solo auf dem Kunstwanderweg: Ferne, Freiheit, Fläming

Mein Fläming: Wölfe, Kuheuter und Fünf Kuben

Mitten im Wald drei hölzerne Wölfe, riesige Kuheuter am Wegesrand und fünf geheimnisvolle, rostige Kuben – umgeben von Natur: Auf dem Kunstwanderweg entdeckt Julia Ryll zwischen Bad Belzig und Wiesenburg immer wieder Unerwartetes. Der Internationale Kunstwanderweg im Hohen Fläming/Landkreis Potsdam-Mittelmark ist für sie weit mehr als ein Ausflugsziel. Es ist ihre Lieblingsroute voller Stille und Überraschungen, die ihr Gelassenheit und neue Perspektiven schenkt. Zwischen weiten Panoramen und spannenden Kunstobjekten findet sie ihre ganz persönliche Freiheit.

Auf dem Küchentisch von Julia Ryll liegen alle wichtigen Wanderbegleiter für heute schon bereit. Die zweifache Mama verstaut Banane, Müsliriegel, eine Wasserflasche sowie Powerbank und Handy in ihrem Wanderrucksack. Ziemlich leichtes Gepäck für eine 16-Kilometer-Tour auf dem Internationalen Kunstwanderweg durch den Hohen Fläming. Das reicht ihr, denn sie wandert immer allein. Während ihre Familie noch schläft, schnürt sie die Wanderschuhe fest zu und läuft in der morgendlichen Sommerfrische zum Bahnhof in Brück. Sie nimmt den RE 7 bis nach Bad Belzig, überquert die Eisenbahnbrücke mit Blick auf die Altstadt und biegt auf die Südroute ab. Ihr heutiges Ziel: den Kopf freilaufen, abschalten – und bei einem warmen Kaffee in Wiesenburg langsam in den Alltag zurückkehren.

Die ersten Kilometer teilt sich die Südroute mit dem Panoramawanderweg rund um die Kurstadt Bad Belzig. Während für kurze Zeit der Sand unter den Schuhen der Controllerin auf dem Asphalt knirscht, schweift ihr Blick über das Stadtzentrum im Morgenlicht. Oberhalb der bunten Fachwerkhäuser thront die Burg Eisenhardt wie ein stiller Wächter.

Wenige Augenblicke später taucht schon die erste Installation auf: „Axis Mundi II“, eine vier Meter hohe Holzsäule mit orangefarbenen Bällen. Eine Beschreibung verrät, sie verbinde die Erde mit dem Himmel. Es wirkt wie ein Tor in eine andere Welt. „Wie passend“, Julia bleibt stehen und sagt lächelnd: „Loslaufen, das ist wie ein Schalterumlegen. Jetzt bin ich raus aus dem Alltag. Hier habe ich nur mich, meinen Weg und diese Ruhe.“ Fast lautlos geht es von hier aus weiter. Sie lässt das Haus des Schriftstellers Roger Loewig hinter sich und geht zwischen Datschen bergab zur alten Postmeile. Noch schläft das Städtchen: Vor dem Eiscafé ist keine Schlange und auf dem Weg zur Burg begegnen ihr nur wenige Gesichter.

"Ich kann hier so sehr in die Ferne gucken. Das gibt mir ein ganz freies Gefühl“

Als Julia die Burg Eisenhardt passiert hat, ist sie in ihrem Schritt angekommen. Zuerst wartet ihr Zwischenziel: die Feldsteinkirche in Borne. Dafür geht sie durch die moosig duftenden Belziger Feuchtwiesen, über bewaldete Hügel mit ihrem unverkennbaren Holzgeruch – bis hinaus ins offene Land, wo es nach Spätsommer und Stoppelfeldern riecht. Sie wandert, als trüge sie der Weg mühelos durch die verschiedenen Kulissen. Vorbei an den Skulpturen „Schwarzstorch im Fläming“, „Flämisches Haus“, den „Fünf Kuben“ und verwunschenen Flämingpfaden. „Wenn ich gehe, ziehen Zeit und Weg einfach so an mir vorbei“, schwärmt Julia.

Acht Kilometer sind geschafft. Gegen Viertel nach neun am Vormittag sucht sich Julia einen Rastplatz im Schatten der Borner Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert. „Eigentlich komme ich aus Schwaben und dachte lange, Weite und Ebene seien langweilig. Aber es ist ganz anders, als ich dachte. Ich kann hier so sehr in die Ferne gucken. Das gibt mir ein ganz freies Gefühl“, verrät die 37-Jährige über ihre Wahlheimat, als sie sich mit der Banane für den zweiten Teil der Tour stärkt.

Nach der Wanderung erfüllt von Weite, Kunst und der Ruhe des Hohen Flämings.

In der Ferne streckt die historische Bockwindmühle ihre Flügel in den Himmel voller Schäfchenwolken. Julia Ryll bricht wieder auf. Sie läuft durch die Obstbaumallee weiter Richtung Westen. Je nach Jahreszeit trägt sie Kirschen, Pflaumen, Birnen oder Äpfel – zur Blütezeit ist sie eine einzige Augenweide. Bald erreicht sie die kopfstehende „Ruhende Brücke“, die direkt vor dem großen Backstein-Bahnviadukt zum Platznehmen einlädt.

Doch Julia zieht weiter zu ihrem Lieblingskunstwerk „Die Wölfe“. Drei Skulpturen aus Metallgeflecht stehen hier im Wald, die Witterung hat ihnen eine Camouflage-Farbe verliehen. Sie werden erst auf den zweiten Blick wirklich sichtbar. „Als ich das erste Mal auf diesem Weg lief, war ich von der Bahnstrecke überrascht, dass mir entlang der Gleise kein Zug begegnet ist. Ich war fasziniert von den vielen Kunstwerken.“ Besonders die Wölfe, die abstrakter gestaltet wurden, fand sie „plötzlich im Wald stehend, etwas gruselig und besonders zugleich.“

Endspurt: Der Wiesenburger Schlossturm weist – neben den regelmäßigen Wanderwegeschildern – die Richtung zum Endpunkt der Tour. Ein letztes Mal geht es aus dem Wald heraus auf die weite Feldflur. Immer geradeaus, bis ein neues Objekt ein breites Lächeln in Julias Gesicht zaubert. „(K)uier(en)“, das Werk einer niederländischen Künstlerin erinnert an Hüpfbälle im Kuhgewand. „Ein herrliches Fotomotiv, immer wieder“, sagt Julia Ryll und zückt zum ersten Mal auf der Tour ihr Handy für einen Schnappschuss. Mit der Dorfsilhouette im Hintergrund wirken sie wie ein Augenzwinkern auf das Landleben – und erinnern Julia daran, warum sie die kreative Vielfalt hier so schätzt.

Im Ortskern angekommen, steuert Julia nach 15 Kilometern direkt auf das Eiscafé am Schlosstor zu, bestellt sich einen Milchkaffee und ein Stück Kuchen. Dann sitzt sie einfach da und genießt. „Ich beobachte für mein Leben gerne. Das habe ich früher schon bei meinen Eltern auf der Terrasse gemacht. Heute habe ich dafür meine Orte im Fläming gefunden“, freut sie sich und kehrt währenddessen langsam wieder in den Alltag zurück. Der Schlosspark Wiesenburg ist ihr letzter stiller Begleiter, bevor sie am Bahnhof mittags zurück in den Zug steigt und nach Hause fährt – erfüllt von Weite, Kunst und der Ruhe des Hohen Flämings.

Julias ganz persönlicher Tipp: der Kunstwanderweg XR

Ich kann den Kunstwanderweg XR wirklich nur empfehlen, wenn ihr Lust habt, Kunst einmal ganz anders zu erleben. Auf der Südroute des Internationalen Kunstwanderwegs verschmelzen auf rund zehn Kilometern – vom Bahnhof Wiesenburg/Mark bis nach Klein Glien – Natur, Bewegung und Kunst auf eine überraschend spielerische Weise. Mit Hilfe von Augmented Reality öffnen sich unterwegs neue Welten, die den Blick auf die Umgebung verändern und erweitern.

Das heißt über eine App werden digitale Kunstwerke direkt in die reale Landschaft eingebettet und auf dem Smartphone oder Tablet sichtbar. So begegnet man auf dem Weg nicht nur Kunstwerken, sondern erlebt sie mitten im Raum: Avatare tauchen auf, Kunst beginnt zu sprechen, sich zu bewegen und eine eigene Präsenz zu entwickeln.

Kunst am Wegesrand

Fünf internationale Künstlerinnen und Künstler haben eigens AR-Arbeiten geschaffen, ergänzt durch 3D-Animationen, in denen Avatare sechs bestehende Kunstwerke persönlich vorstellen.
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  • Kunst am Wegesrand

    Fünf internationale Künstlerinnen und Künstler haben eigens AR-Arbeiten geschaffen, ergänzt durch 3D-Animationen, in denen Avatare sechs bestehende Kunstwerke persönlich vorstellen.
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